An alle Hilfesuchenden

In der Vergangenheit erreichten mich über den Blog öfter Hilferufe. Ich weiß, wie schwer es sein kann und welche Verzweiflung dabei aufkommen kann. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und solche Nachrichten belasten mich.

Ich helfe gerne, allerdings bin ich nicht befugt und auch nicht willens in Lebenskrisen zu intervenieren. Dafür gibt es spezialisierte Anlaufstellen, von denen ich im Folgenden ein paar nennen werde:

  • Selbsthilfegruppen in der Nähe
  • Autismuszentren
  • Die Telefonseelsorge 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123
  • in ganz akuten Fällen rate ich zu einem Gespräch mit dem Hausarzt oder (falls vorhanden) Psychiater/ Psychotherapeut
  • bei der Suche nach einem geeigneten Arzt kann auch ein Anruf bei der Ärztekammer hilfreich sein

Ich habe nur ein paar Beispiele aufgelistet. Wenn mir weitere Möglichkeiten einfallen (oder euch), werde ich sie ergänzen.

 

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An alle Hilfesuchenden

Comeback von Gedankencocktails

21 Monate sind nach meinem letzten Artikel vergangen. 21 Monate, in denen ich immer wieder schreiben wollte, aber nicht die Kraft dafür fand. Gedankencocktails liegt mir immernoch am Herzen und ich werde mein Bestes geben, hier wieder regelmäßiger zu veröffentlichen.

Meine ganz persönliche Reise der Selbstfindung war damals bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Mir war nicht bewusst, wie wenig ich über mich wusste, obwohl ich schon so viel gelernt hatte.

Wenn ich die alten Artikel hier durchlese, würde ich sie gerne dem aktuellen Stand anpassen, aber das würde den Blog verfälschen. Deswegen geht es von nun an „neu“ weiter.

Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Viel! Sehr viel! Viele Tiefen und einige Höhen. Wenn ich die letzten zwei Jahre vor meinem geistigen Auge ablaufen lasse, sehe ich viele Ereignisse, die mich geprägt haben. Manche positiv, andere negativ. Ich war eine Löwin und zugleich sehr empfindsam, fühlte mich immer einsamer, obwohl ich Menschen an meiner Seite hatte. Stellte das Wohl anderer wieder über mein eigenes und war vor wenigen Monaten gezwungen, einen Rückzug anzutreten. Mein Rudel zurück zu lassen, um mich selbst zu schützen. Die Ereignisse in meinem Leben und die Reaktionen meines Umfelds haben mir gezeigt, dass ich so nicht weiter leben kann. Dass ich anfangen muss, an mich zu denken und mich mehr zu schützen. Meine Energie gehört mir und ich lasse es nicht mehr zu, dass sie von Menschen ausgenutzt wird, die mir nicht gut tun.

Ich habe mich im Mai von meinem Partner getrennt und daran gearbeitet, dass wir uns freundschaftlich gut verstehen. In der Beziehung wurde immer deutlicher, dass wir zwar ähnlich geschnitzt sind, aber in der Reife gewisse Unterschiede bestanden. Ich habe mich nicht mehr als Frau gefühlt, sondern immer häufiger als seine Beschützerin. Er ist ein feiner Kerl und ich mag ihn sehr. Aber nur als Freunde und das bekommen wir mittlerweile sehr gut hin. Er hat auch wieder eine neue Dame, die es in sein Herz geschafft hat und trotzdem ist es zwischen uns entspannt. Das war mir auch sehr wichtig, weil seine Tochter mir ans Herz gewachsen ist und ich weiterhin für sie da sein möchte. Nach der Trennung suchte ich politisches Asyl bei meinen Eltern, obwohl er mir sagte, dass ich das Gästezimmer bewohnen könne, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Ich wollte es ihm aber nicht schwerer machen, als es eh schon war. Bei meinen Eltern merkte ich schnell, dass ich dafür zu alt bin und es nicht mehr so ist, wie früher. Zum Glück fand ich im Juni eine Wohnung, die ich sofort beziehen konnte. Fast 4 Monate dauerte es, bis ich meine Erstausstattung vom Amt bekam. 4 Monate ohne Küche, ohne Kühlschrank, ohne Staubsauger, ohne Waschmaschine usw. . Meine Wohnung war eher ein Mini Campingplatz.

In der Zeit von Juni/ Juli bis September/ Obtober diesen Jahres hatte ich meinen persönlichen Tiefpunkt erreicht. Ich war ausgebrannt, kraftlos, depressiv. Kämpfte mit jedem Tag, dass es wieder aufwärts geht und immer wieder kamen neue Schreckensnachrichten, die mich zurückwarfen. In dieser Phase hat mir mein Körper zum ersten Mal gezeigt: so nicht mehr! Ich musste mein Leben drastisch ändern. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass ich an Karma glauben muss. Irgendwann wäre ich auch mal an der Reihe und würde für das belohnt werden, was ich in den fast 30 Jahren meines Lebens für andere Menschen getan habe. Dass ich nicht der dunklen Macht verfallen bin, auch wenn dies wohl einiges leichter gemacht hätte. Mittlerweile muss ich zugeben, dass ich tatsächlich an Karma glaube. Es ist in den letzten Wochen so viel Positives passiert, mit dem ich nicht gerechnet habe, dass mir keine andere Möglichkeit bleibt, an Schicksal zu glauben. Mir wurde überraschend ein wahrer Traumjob angeboten. Von einem toleranten Arbeitgeber, der meinen Arbeitsplatz meinen Bedürfnissen und Schwächen anpasst. Mir Freiraum gibt und auch die Möglichkeit, wann immer ich möchte, im Homeoffice zu arbeiten. Auch habe ich keine festen Arbeitszeiten. Kann später beginnen, wenn ich in der Nacht schlecht in den Schlaf gefunden habe oder morgens eine Weile brauche, um in Schwung zu kommen. Die Arbeit verbindet bisher 4 meiner Spezialinteressen. Dadurch fühlt es sich nicht wie Arbeit an, weil es Spaß macht. Trotzdem merke ich den Unterschied und muss mich erst langsam an den neuen Tagesablauf gewöhnen.

Das ist nur eine grobe Zusammenfassung dessen, was alles passiert ist. Ich hoffe, dass ich es schaffe, in nächster Zeit einige Aspekte genauer aufzuschreiben und insbesondere autismusspezifische Schwierigkeiten herauszuarbeiten.

In diesem Sinne sage ich „bis bald“!

Comeback von Gedankencocktails

Autistinnen und der Hang zu den „falschen Männern“

Ich nahm neulich an einer Diskussion unter Asperger-Frauen teil, in der es darum ging, wie wir auf neurotypische Männer wirken und warum wir dazu neigen, die Falschen anzuziehen.

Das ist ein sehr wichtiger Aspekt und ich möchte im folgenden Artikel über meine Sichtweise zum Thema schreiben.

Als ich etwa 17/ 18 Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir, dass ich Sozialarbeiterin werden solle, weil ich scheinbar die „schwierigen“ Männer anziehe. Allesamt mit Bindungsängsten und dennoch mit dem Wunsch, eine intensive Beziehung zu führen.

Mein Resümee mit 27 Jahren: ein (mittlerweile) diagnostizierter Borderliner (mein erster Freund), ein „Verdachtsborderliner“, ein diagnostizierter Narzisst, ein Vollwaise mit extremen Bindungsängsten und andere mit extremen „Auffälligkeiten“.

Mein jetziger (und hoffentlich letzter) Partner fällt durch das Raster. Seine „Auffälligkeit“ besteht eher darin, dass er „zu gut für diese Welt“ ist. Bis ich ihn gefunden habe, musste ich viel Leid ertragen und Demütigungen hinnehmen.

Einige Männer scheinen mich anziehend zu finden, weil ich „mysteriös“ und unnahbar wirke. Ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn ich jemanden kennen lerne, erzähle ich nicht sehr viel über mein Innerstes. Er muss mein Wesen wie eine Zwiebel schälen. Mit jeder Schicht erfährt er mehr über mich und es stecken so manche Überraschungen in den verschiedenen Schichten, was mich abwechslungsreich und spannend erscheinen lässt. Durch meine Schwierigkeiten in der Kommunikation wirke ich schüchtern, was meinem Gegenüber womöglich schmeichelt. Durch meine Naivität mache ich mich als Beute interessant und wecke den Jagdinstinkt. Es dauert eine Weile, bis ich die wahren Absichten meines Gegenübers einschätzen kann. So passierte es oft, dass sich jemand bereits heftig in mich verliebt hatte, während ich ihn noch als „flüchtigen Bekannten“ einstufte. Es dauert lange, bis ich jemandem vertrauen kann. Meine Partner hatten ein ähnlich schnelles Tempo beim Hervorbringen ihres inneren Wesens. Das gefiel mir, weil ich mich nicht unter Druck gesetzt fühlte, mich „zu zeigen“ und ihnen gefiel es, weil sie scheinbar eine Frau hatten, die eine ähnlich oberflächliche Beziehung wünschte, die aber nicht an Intensität der Aufmerksamkeit zueinander einbüßte. Ich sehnte mich so sehr nach Harmonie und enger Bindung zueinander, dass ich zu viele Kompromisse einging und mich verbog, um meinem Partner zu gefallen. Meine Partner hatten Angst, sich richtig zu binden, damit ein Verlust nicht so sehr schmerzt oder ich keine „Macht“ über sie bekomme. Ich hingegen hatte Angst, dass die Bindung bricht, stellte meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche hinten an, um ihn nicht zu verlieren. Durch diese Konstellation führte ich ziemlich abstruse Beziehungen, in denen ich schweigend um Achtung schrie und mich selbst Stück für Stück vergaß. Bis auf zwei Ausnahmen „ertrug“ ich meine Beziehungen, bis sie sich von mir trennten. Fast alle haben irgendwann wieder den Kontakt zu mir gesucht und bereuten die Trennung. „Das, was ich an dir schätze, habe ich bei keiner anderen gefunden.“ habe ich so, oder so ähnlich, nicht nur einmal gehört.

Ich fand diese Männer interessant, weil sie, wie ich selbst auch, eine Zwiebel sind. Je einfühlsamer ich vorging, desto mehr erfuhr ich über sie. Einiges davon auch nur durch logisches Zusammenfügen. Wenn ich jemanden längere Zeit kenne und engen Kontakt habe, dann kann ich die Person sehr gut „lesen“. Dabei irre ich mich selten. Das machte manchen Angst und es begannen Machtkämpfe, in denen sie sich auf einen Thron hoben und mich degradierten. Mit der Zeit und zunehmender Erfahrung, lernte ich, mich zu wehren. Eine Diskussion mit mir entbrannte oft in einen Streit, weil ich sage, was ich denke und dabei oft einen wunden Punkt erwischte. Sie mussten sich selbst eingestehen, dass ich sie sehr gut kenne und habe sie dadurch mit ihren Ängsten konfrontiert.

Ich brauche einen Partner, der mich so akzeptiert, wie ich bin. Auch mit meinen Schattenseiten. Der geduldig und einfühlsam ist. Der sein Inneres nicht vor mir verschließt und mit meinem vielfältigen Wesen nicht überfordert ist. Der so gut zuhören, wie selbst erzählen kann und uns gemeinsam auf einer Ebene betrachtet.

Beziehungen waren nicht die einzigen Erfahrungen, die ich mit Männern gemacht habe. Es gab auch solche, die ein Nein nicht akzeptieren wollten. Viele autistische Frauen mussten Erfahrungen mit Übergriffen machen.

Man lernt jemanden kennen, ist vielleicht auch scheinbar auf einer Wellenlänge und erkennt nicht die wahren Absichten. Sexuelle Zweideutigkeiten oder die eigene (eventuell auch überspielte/ angepasste) Körpersprache falsch interpretiert. Eine neue, potentiell nette Bekanntschaft entpuppt sich dann schnell als Alptraum. Ich weiß nicht, ob es an unserer sexualisierten, schnelllebigen Gesellschaft liegt oder schon vor hundert Jahren so war, aber viele sehen ein nettes Gespräch als Flirt und einen Flirt als Bereitschaft für einen One-Night-Stand. Hat mein Gegenüber einmal seine Beute gewittert und sieht sich kurz vor dem Ziel, können manche nicht mehr zurücksteuern, wenn der „Jäger“ in ihnen geweckt wurde.

Auch das Thema „ältere Männer“ sehe ich als wichtig an. In meinen Beziehungen war oft ein deutlicher Altersunterschied (bis zu 17 Jahren). Als Teenie konnte ich mit den Jungs aus meiner Altersklasse nichts anfangen. Sie waren in meinen Augen unreif und beschäftigten sich mit Themen, die mich in keinster Weise interessierten. Erwachsene, reifere Männer hingegen, waren eher mit mir auf einer Wellenlänge. Der Partner meiner ersten ernsthaften Beziehung war 10 Jahre älter. Wir ernteten viel Gegenwind, Spott und Beleidigungen im familiären, Freundes- und Bekanntenkreis. Meine Eltern fanden sich irgendwann damit ab, dass meine Wahl auf ältere Männer fällt. Auch in diesem Punkt ist mein Freund eine Ausnahme. Uns trennen nur zwei Jahre.

Es gab und gibt noch immer Situationen, in denen ich „sozial überfordert“ bin, weil ein deutlich älterer Mann sein Interesse für mich entdeckt hat. Zugegeben, die meisten sind diesbezüglich eher zurückhaltend, weil ihnen der deutliche Altersunterschied bewusst ist. Aber es gibt auch solche, die es offen aussprechen oder ihr Interesse in einer Gruppe kundtun, während ich anwesend bin. Es sind dann meist Anspielungen, die mich aber an den Rand meiner sozialen Kompetenzen führen. Ich bin nicht sehr gut im Lesen von Mimiken, aber ich erkenne es mittlerweile in den meisten Fällen, wenn mich jemand „mit seinen Augen auszieht“. Das widert mich an und führt zu meinem Rückzug.

Warum habe ich eine solche Wirkung auf ältere Männer? Vor einiger Zeit sagte mir jemand, dass ich mit dem Geist einer 40-jährigen im Körper einer 20-jährigen stecke.

Diese Ambivalenzen im Vergleich zu neurotypischen Frauen, lassen uns aus der Masse hervorstechen und ziehen nicht nur die „guten“ Männer an, sondern oftmals solche, die uns nicht gut tun. Ich denke, für Aspie-Frauen ist es mit hohem Maße erforderlich, potentielle Partner mit großer Sorgfalt zu filtern.

Anmerkung: da dieser Artikel den einen oder die andere etwas beunruhigt hat, ich könne in Gefahr sein, möchte ich explizit darauf hinweisen, dass ich über meine Vergangenheit schreibe und ich einen sehr liebevollen und einfühlsamen Partner habe! Sollte ich jemanden mit diesem Artikel beunruhigt haben, war dies nicht meine Absicht. Dafür entschuldige ich mich aufrichtig!

Autistinnen und der Hang zu den „falschen Männern“

Identifikationsprobleme – Wer bin ich?

Primaballerina

Ich bin die Figur einer Spieluhr.
Drehe mich ein Leben lang im Kreis,
gestern wie heute, wie morgen!

Meine Hände schützend über mich,
erscheine ich graziös durch meine Haltung.
Leise Glockenschläge weisen mir den Takt.
Ich tanze in einem Traum, ich lebe in einem Traum,
doch weiß ich nicht, was mein Traum ist.

Ich schaue hinab auf die Spiegel.
Langsam drehend sehe ich viele Gesichter darin.
Einige lächelnd, andere weinend.
Ich scheine jedes dieser Gesichter zu sein.
Jedes einzelne spiegelt meine Persönlichkeit,
doch keines davon passt zum anderen.
Ich habe kein Gesicht.

Keines davon beschreibt mich,
wie ich wirklich bin.
Ich bin die Figur einer Spieluhr.
Ein Leben lang im Kreise drehend,
gestern, wie heute, wie morgen!

Suche keinen Ausdruck im Gesicht einer Puppe!
Versuche nicht, die Emotionen einer Maske zu deuten!
Meine Hand für viele greifbar,
mein Innenleben auf der Zunge tragend.
Bei jedem Neubeginn wandle ich mich um 360 Grad.
Stehe immer wieder bei Null
und beginne erneut zu tanzen.

Ich bin die Figur einer Spieluhr.
Drehe mich ein Leben lang im Kreis,
gestern, wie heute, wie morgen!

Viele ließ ich am Schlüssel meines Herzens drehen,
wurde immer schneller und schneller.
Langsam bin ich erschöpft.
Möchte aufhören zu tanzen,
möchte aufhören mich zu drehen,
immer und immer wieder im Kreis.
Eines Tages wache ich auf.

Ziehe meine Tanzschuhe aus,
verlasse die Spiegelwelt.
Ich blicke nach vorne,
bin gewachsen, bin gereift.
Bereit für das wahre Leben.

Ich bin die Figur meines Herzens.
Drehe mich ein Leben lang in den Armen meiner Liebe,
gestern, wie heute, wie morgen!

Das Gedicht schrieb ich im Alter von 21 Jahren. Damals hatte ich noch keine Ahnung, was Autismus bedeutet.
Es wurde sofort mein liebstes Gedicht, weil es mein Leben und meine Hoffnung am besten beschreibt.
Es gab mir Kraft weiterzumachen und nicht aufzugeben.
Erst nachdem ich allmählich verstand, dass ich Autistin bin, erkannte ich, wie nah ich dem Ziel damals schon war. Ich kannte meine Schwächen (und versteckten Stärken) schon überaus gut, aber es gelang mir nicht, dem Ganzen ein Bild zuzuordnen.

Mein Selbstbewusstsein entsprach der Wertung anderer Menschen über mich und die war in der Regel nicht sehr hoch. Also versuchte ich, mich anzupassen, um weniger anzuecken.

Ich schwieg, wenn ich eigentlich hätte protestieren müssen.
Ich schwieg, wenn mich jemand verletzte.
Und ich unterdrückte Wesenszüge, die andere nicht nachvollziehen konnten.

Immer wieder machte ich die gleichen Fehler und fühlte mich dumm, weil ich es erneut zuließ. Mit jeder Änderung meiner Erscheinung, habe ich mich mehr verirrt.
Jeder, der mich besser kennt, hat ein vollkommen anderes Bild von mir. Teilweise in völlig entgegengesetzte Richtungen und keines davon ist ein Abbild meiner Innenwelt. Es gab kaum Parallelen, wie sollte ich so „mich selbst“ finden?

Trotz der vielen äußerlichen Veränderungen, bin ich mir in meiner Welt stets treu geblieben. Ich kann mich leicht begeistern und Gefallen an Dingen finden, die für mich vorher uninteressant waren. In einer Partnerschaft bekommt für mich alles eine andere Wertigkeit, weil ich nicht mehr alleine bin. So kann es sein, dass ich mich für Fußball begeistere, um gemeinsam Freude zu empfinden. Dadurch verrate ich mich selbst nicht. Ich habe für mich entschieden, dass ich Fußball aus der neuen Perspektive mag und es mich glücklich macht. Das funktioniert nicht bei allen Dingen und ich werde wütend, wenn ich merke, dass meine Kompromisse zur Gestaltung eines gemeinsamen Lebens als Selbstverständlichkeit angesehen werden. Ich bin nicht selbstverständlich und auch meine Aufbringungen in zwischenmenschlichen Beziehungen sind es nicht.
Ich helfe gerne und ich bereite gerne Freude, aber ich lasse mich nicht dazu zwingen. Das mache ich auch nicht bei anderen!

In meiner Persönlichkeit war ich stets ich selbst. Die verschiedenen Erscheinungsformen nach außen, waren meiner Vielfältigkeit und Wandelbarkeit zu verdanken.
Von meinem Umfeld wurde ich nur nach den Dingen bewertet, die sichtbar waren. Es spielte keine Rolle, wie es in mir aussah, weil sie es nicht erkennen konnten.
Meine Persönlichkeit wurde anhand meines Verhaltens bewertet. Für mich fällt diese Ebene der Wertung aber weg, sie hat nur unterstützenden Charakter, ist aber nicht ausschlaggebend. Mich interessiert, was sich hinter dem Verhalten verbirgt.

„Du bist ja gar nicht so!“ ist ein Satz, den ich sehr oft gehört habe, wenn mich jemand näher kennenlernte. Wenn ich nachfragte, wie sie mich wahrgenommen haben, hörte ich oft eine Einschätzung, die überhaupt nicht zu mir passte. Arrogant, kaltherzig, egoistisch, berechnend… es verletzte mich, dass ich so gesehen werde. Das klingt nach einer schlimmen Person, die ich nicht sein möchte und auch gar nicht bin.
Es kam auch vor, dass ich Leute kennenlernte, die mich nach intensiverem Kontakt genau in diese Schublade steckten.
Damit kann ich ganz schlecht umgehen, weil es nicht der Wahrheit entspricht und ein Bild von mir zeigt, das ich in keinster Weise nachvollziehen kann.

Diese vielen Bilder führten dazu, dass ich ziellos umherirrte und förmlich nach einer Antwort schrie. Ich konnte mich nicht entspannen, fühlte mich immer getriebener. Mit jeder Enttäuschung brachte ich noch mehr Energie auf, mein Leben zu verstehen. Für Außenstehende mag es wie die Suche nach dem heiligen Grahl erscheinen. Ich wusste aber, dass es eine Lösung gibt, weil ich nicht falsch funktioniere und auch nicht verrückt bin!
Zugegeben, ich war oft kurz davor, es selbst zu glauben.

Das schwierige am Autismus war, dass ich es selbst herausfinden musste und mir keiner dabei helfen konnte.

Durch meine häufigen Wandlungen habe ich ein Stück meines natürlichen Wesens verloren, aber in meinem Kern bin ich die Gleiche geblieben.

Identifikationsprobleme – Wer bin ich?

Welche Reaktionen ich bekomme, wenn ich über meinen Autismus erzähle

Momentan beschäftigen mich in meinem familiären Umfeld viele Dinge. Dadurch habe ich sehr wenig Zeit zum Schreiben. Dieser Artikel kommt deutlich später, als ich es mir selbst gewünscht habe.
Ich freue mich über jeden Kommentar, den ich zu meinen Artikeln bekomme. Sei es hier auf dem Blog, bei Facebook oder Twitter. Ich verfolge jede Diskussion, die ich dazu entdecke, weil oft sehr interessante Denkanstöße dabei sind und es auch gut tut, zu lesen, wie vielen es ähnlich ergeht. Das lässt die „Andersartigkeit“ in gewisser Weise „normal“ werden.
Da mein Alltag momentan einen besonders großen Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt, habe ich nicht viel Zeit zum Schreiben.
Auch kurze Antworten dauern etwas, bis ich die Worte so formuliert habe, dass ich damit zufrieden bin. Perfektionismus ist durchaus gut, bedeutet aber auch einen größeren Zeitaufwand, bis ich selbst mit dem Ergebnis einverstanden bin.

Ich möchte auf einen Leserkommentar von Peter H. genauer eingehen. Er kam zum Thema „Asperger – eine Frage des Unverständnisses“: https://gedankencocktails.wordpress.com/2014/06/16/asperger-eine-frage-des-unverstandnisses/

Wie reagieren die Menschen auf mich, wenn ich ihnen sage, dass ich Asperger habe?
Generell herrscht anfangs eine gewisse Verwirrung, teilweise bis hin zur Ausgrenzung meiner Person. Letztere Gruppe verdient von mir keinerlei Beachtung mehr. Ich brauche diese Menschen nicht in meinem Leben und agiere so viel mit ihnen, wie es nötig ist.
Ist es aber nur eine Verwirrung, erkläre ich genauer, was es für mich bedeutet. Die meisten werden dann interessierter und stellen gezielte Fragen. Ich habe mich sehr intensiv mit meinen eigenen und neurotypischen Verhaltensweisen, sowie Wahrnehmungen auseinandergesetzt. Dadurch gelingt es mittlerweile in den meisten Fällen ganz gut, ein grobes Verständnis zu vermitteln und tatsächlich noch als zurechnungsfähig zu gelten.
Anfangs fiel es mir schwerer, die richtigen Worte zu finden. Ich erinnere mich noch an das Gespräch beim Hausarzt, als ich eine Überweisung für eine ADS-Diagnostik benötigte. Zuvor hatte ich telefonisch versucht, eine Überweisung zu erhalten. Die Dame am Apparat erklärte mir, dass sie das nur nach einem Termin beim Arzt ausstellen. Damals hatte ich schon ein bisschen über Asperger gelesen, erkannte mich aber noch nicht darin, weil die Medizin nur die Außensicht darstellt. Ich stammelte nur, war überaus nervös und hatte schon vorher ein ungutes Gefühl. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich bereits intensiv mit AD(H)S auseinandergesetzt und wusste um die problematischen Reaktionen vieler Menschen. Ich wusste, dass er zweifelnd reagieren wird und mich vielleicht für vollkommen verrückt erklärt. „Ich vermute, dass ich ADS habe.“ Er stellte mir viele Fragen und ich erzählte zum ersten Mal jemandem von meinen Problemen, die mein Leben wirklich stark beeinträchtigt haben. Am Ende hörte ich etwas von „Ich bin gespannt, was dabei rumkommt.“ und Modediagnose, die jeder bekommen würde.
Von meinem Hausarzt (!) war ich so enttäuscht, dass ich den Entschluss fasste, mehr Aufklärung in dem Bereich zu leisten. Aus meinem familiären Umfeld erzählte ich zuerst meiner Mutter davon. Sie war interessiert und fand es spannend, weil sie sich selbst darin erkannte.
Ich erzählte es auch einem sehr guten Freund, der aufgrund seiner Ausbildung den „Standard“ zum Thema kannte. Ich bin und bleibe, wer ich bin. Recht hat er damit, aber wirklich geredet haben wir darüber nicht.
Da ich anfing, eine Selbsthilfegruppe für AD(H)S-ler zu besuchen, konnte ich mich mit Menschen austauschen, die sich selbst intensiver mit der Thematik auseinandersetzen. Ich fühlte mich in der Gruppe schon beim ersten Treffen sehr wohl und erkannte mich in den anderen Teilnehmern. Allerdings fiel ich auch dort noch auf. Jemand sagte mir nach längeren Gesprächen, dass ich ein interessanter Fall sei. Jeder AD(H)Sler ist anders, aber bei mir sei es schon extrem. Ich sei etwas ganz besonderes und solle darauf aufpassen, dass ich so bleibe, wie ich bin. Ein Genie, wenn auch etwas wahnsinnig.
Da ich schon wusste, dass Asperger in gewisser Weise ein gesteigertes AD(H)S ist, las ich mehr zum Thema und stieß bei Erfahrungsberichten von Frauen auf viele Übereinstimmungen. Ich hatte in meinem Umfeld alle über meinen ADS-Verdacht informiert, die es wissen sollten. Bis zur endgültigen Diagnose blieb es auch dabei und ich las weiter über Asperger und ADS. Einzige Ausnahme war meine Mutter. Ihr erzählte ich davon und sie bekam Angst vor mir. „Jetzt dreht sie vollkommen durch!“ ADS war okay, Autismus allerdings eine Stufe zu stark. Mit jedem Versuch, ihre Angst zu nehmen und ihr zu erklären, welche Bereicherung dieses Wissen für mein Leben bedeutet, schien es schlimmer zu werden. Das änderte sich, als sie meine Fortschritte und die stetig wachsende gute Laune sah. Ich fing an, mich selbst anzunehmen. Seitdem kann ich positiv über meinen Autismus reden. Man sieht mir an, dass es mir nichts ausmacht, offen darüber zu sprechen. Das nimmt auch einen Großteil der anfänglichen negativen Stimmung, wenn das Wort Asperger oder Autistin fällt.
Generell muss ich sagen, dass Asperger deutlich vorurteilsfreier aufgenommen wird, als AD(H)S.
„Das gab es früher nicht! Einen Klaps auf den Hintern und gut war.“ oder „die setzt man doch unter Drogen!“.
Bei AD(H)S ist es schwieriger, die gefestigte Meinung zu lösen. Bei Asperger oder Autismus hingegen ist es einfacher, das bisherige Bild zu revidieren.
Besondere Vorurteile, abgesehen von Hollywood-Darstellungen oder den Kindern im Glaskasten, sind mir bisher nicht aufgefallen. Da in der Bevölkerung überaus wenig über Autismus bekannt ist, merken die meisten bei einem tiefgründigeren Gespräch sehr schnell, dass ihr Bild von der „Krankheit“ nicht der Realität entspricht.
Es scheint auch bei manchen eine gewisse „Magie“ mit Autismus verbunden zu werden. Ganz nach dem Motto „Ich wollte schon immer mal einen Autisten kennenlernen.“
Ich bin sehr froh, dass ich mich entschieden habe, offen damit umzugehen. Es erleichtert meinen Alltag ungemein. Auch reagiert mein Umfeld ganz anders auf mich. Meine Schwächen werden akzeptiert und nicht mehr kritisiert. Ich traue mich auch offen zu fragen, wie etwas gemeint ist, wenn ich mir nicht sicher bin. Früher folgte ich den Regeln der „Gesprächskunst“. Unterbrach nicht, wenn ich etwas nicht verstand und wartete auf Möglichkeiten, nachzufragen. Während ich wartete, vergaß ich die Frage und das Thema, das mich kurz vorher noch interessierte oder mein Gesprächspartner konnte sich selbst nicht mehr erinnern. Auch wenn ich in meinen Gedanken abdrifte und nicht mehr folge, sage ich es, sobald es mir auffällt und bekomme geduldig erneut erzählt, was ich nicht mitbekam.
In meinem Privatleben ist nur noch Platz für Menschen, die damit kein Problem haben und mich als Individuum akzeptieren.
Ich habe dadurch „Freunde“ verloren und es macht mich auch manchmal etwas traurig. Nicht, weil sie weg sind, sondern weil ich mich so sehr in ihnen getäuscht habe.

Asperger bedeutet nicht, einen Hirnschaden zu haben. Ich bin auch nicht gefährlich, gefühlskalt oder egoistisch. Wer mich so sieht, kennt mich nicht und hat es nicht verdient, ein Teil meiner Welt zu sein!

Welche Reaktionen ich bekomme, wenn ich über meinen Autismus erzähle

Wo ist denn schon wieder die Zeit hin?

Zeit ist eine Währung, die ich nicht beherrsche. Mein Alltag nimmt für mich enorm viel Zeit und Energie in Anspruch. Ich habe Probleme mit meinem Zeitmanagement. Auch wenn ich mich noch so anstrenge, bei einer Verabredung pünktlich zu sein, gerate ich in Zeitnot.
Jede Kleinigkeit, die nicht meiner Planung entspricht, kann es schaffen, mich aus dem Konzept zu bringen. Jeder Tag wird von mir vor dem Einschlafen in Gedanken geplant. Dabei erstelle ich mir einen Zeitplan mit Lücken, damit ich bei Verzögerungen oder unvorhersehbaren Zusatzaufgaben einen Puffer zum Ausgleich habe. Bringt aber nicht viel. Manchmal frage ich mich, warum ich es dennoch immer wieder so mache.
Aufgaben für den Tag: einkaufen, aufräumen, putzen, Oma im Krankenhaus besuchen und abends zu meinem Vater. Klingt machbar, ist es eigentlich auch. Bei vielen Tagesabläufen habe ich Routinen, die teilweise Zeit ersparen und teilweise kontraproduktiv sind.
Zu meinen Routinen zählt kein morgendliches Duschen. Ich dusche immer abends. Bei den sommerlichen Temperaturen, dusche ich mich auch morgens kurz ab. Das bedeutet aber einen Bruch in meiner Routine. Abends brauche ich meine Haare nicht föhnen, sie trocknen nachts an der Luft. Morgens hingegen riskiere ich entweder schief angesehen zu werden, wenn ich mit nassen Haaren einkaufen gehe oder stehe etwa eine Stunde mit dem Föhn in der Hand, um meine Haare zu trocknen. Mittlerweile habe ich weniger Probleme, mit nassen Haaren in die Öffentlichkeit zu gehen. An manchen Tagen oder bei manchen Anlässen wäre ich aber zu verunsichert, wenn mein äußeres Erscheinungsbild nicht dem entspricht, was von der Allgemeinheit erwartet wird.
Somit stehe ich vor dem Spiegel und föhne meine Haare bei gefühlten 50 Grad und nahezu 100% Luftfeuchtigkeit. Wenn meine Haare getrocknet sind, dusche ich mich erneut (ohne Haare) ab. So verstreichen schon 1,5 Stunden meines Tages, nur weil andere von mir erwarten, in „ordnungsgemäßem Zustand“ die Haustüre zu verlassen. Ich fahre in den Supermarkt und setze meine Scheuklappen auf, damit ich niemanden sehe, den ich kenne. Ich mag keinen Smalltalk und besonders nicht beim Einkaufen. Manchmal entdecke ich jemanden, den ich flüchtig kenne. Wenn es sich um eine redselige Person handelt, weiche ich im Supermarkt aus. Ich gehe immer im selben Laden einkaufen. Dort kenne ich mich aus, weiß genau, wie die Wege verlaufen und was an welcher Stelle steht. Weiß, welche Verkäuferin öfter gereizt ist oder wer besonders entspannt ist.
Trotzdem passiert es, dass mich jemand anspricht und ein „Pläuschchen“ mit mir halten möchte. Da kann es schonmal zu leichter Panik kommen, weil ich mich nur schwer aus solchen Situationen befreien kann. „Ist es jetzt unhöflich, wenn ich sage, dass ich keine Zeit habe? Wie formuliere ich es am Besten und an welcher Stelle baue ich es ein?“ Somit stehe ich mehr schweigend als redend gegenüber und warte auf eine passende Situation, um meine Planung weiter abzuarbeiten. 30 Minuten später entkomme ich aus der Unterhaltung und bekomme Stress. Eine halbe Stunde, so früh am Tag schon, die ich irgendwie wieder ausgleichen muss.
Meinen Einkaufszettel habe ich natürlich auf dem Küchentisch vergessen und gehe in Gedanken permanent durch, was ich brauche, was ich habe und was noch fehlt. Dabei scanne ich den Einkaufswagen fast schon minütlich und gehe die Einkaufsliste immer wieder in der selben Reihenfolge durch. Mehl fehlt noch! Ich brauche Mehl! Ich rase zum Regal, in dem normalerweise Backzutaten stehen. Heute nicht. Sie haben umgeräumt. In Gedanken gehe ich meinen heutigen Weg im Supermarkt durch, ob mir an einer anderen Stelle eine Veränderung auffiel. Fehlanzeige. Ich habe nichts bemerkt. Zunehmend gestresster renne ich von einem Regal zum nächsten. Wo ist Mehl? Da ist es, wieder 10 Minuten vergangen und auch der Anblick des neuen Standortes irritiert mich. Es ist nicht so, wie es früher sortiert war. Auch die Lichtverhältnisse und Lautstärke sind am neuen Standort anders. Ich habe den Punkt erreicht, dass ich nur noch aus dem Laden heraus möchte. Ab zur Kasse, nur eine besetzt und 8 Kunden vor mir. In die Schlange eingereiht, eine Person, die ich jetzt absolut nicht sehen möchte. Also drehe ich mit meinem Einkaufswagen wieder ab, vertreibe mir die Zeit im Supermarkt und probiere es etwas später erneut. Ich halte an der Kasse oder generell bei Menschenschlangen immer großzügig Abstand. Die Frau hinter mir nicht. Sie hat nur ein paar Teile und keinen Einkaufswagen, der als Abstandshalter dienen könnte. Sie kommt näher, ich spüre einen Kontakt mit meiner Handtasche und gehe ein Stückchen weiter nach vorne. Sie rückt auf. Ich höre ihren Atem und sehe ihre Bewegungen im Augenwinkel. Das ist eindeutig zu nah. Doch bevor es zu einer zickigen oder anfeindenden Auseinandersetzung kommt, ertrage ich es. Endlich geschafft. Raus aus dem Supermarkt und wieder im Auto. Beim Blick auf die Uhr bekomme ich einen leichten Schock. Ich war zwei Stunden im Supermarkt, obwohl ich nur ca. 15 Teile eingekauft habe. Schnell nach Hause, Sachen auspacken und einräumen, aufräumen im Schnelldurchgang und erschöpft eine Pause genehmigen. Pausen… davon brauche ich recht viele. Wenn ich beispielsweise meine Küche gründlich putze, ist es ein Tagesprojekt. Jede Schublade wird feinsäuberlich leer geräumt, in jeder Ecke mehrmals geputzt und auch der Inhalt wird teilweise nochmal gespült. Dabei stecke ich mir Ziele. „Wenn ich den Kühlschrank fertig habe, mache ich eine Pause.“ So gönne ich mir stündlich eine kurze Auszeit, um wieder aufzutanken.
Ich putze vor dem Besuch bei meiner Oma so viel, wie ich schaffe. Nur noch eine halbe Stunde, dann muss ich wieder los. Ich gehe erneut in Gedanken durch, was ich brauche, habe und was noch fehlt. Dabei beginnt eine Hetzjagd durch die Wohnung:
zuerst wird die To-Do-iste meiner Großmutter abgearbeitet und eingepackt. Danach meine eigene.
Schlüssel… wo sind die Schlüssel? Ich renne durch alle Zimmer und grase einen Platz nach dem anderen ab. Da sind sie! Was kommt als nächstes? Mein Vater wollte sich ein Buch von mir leihen. Das packe ich direkt ein, weil ich wohl keine Zeit mehr haben werde, zwischendurch nach Hause zu fahren. Ich suche das Buch. Es steht natürlich nicht an seinem Platz im Regal, weil ich es vorausschauend schon auf Seite gelegt habe. Aber wo? Erneut renne ich durch alle Zimmer, bis ich es finde. Was fehlt noch? Meine Sonnenbrille! Wo habe ich die denn jetzt hingepackt? Ich durchsuche erst einmal alle Ablagen, dann begebe ich mich an die Schubladen. Tadaa, gefunden. Ich setze sie schon auf den Kopf, um sie nicht irgendwo versehentlich wieder abzulegen. Jetzt kann ich losfahren. Ich hechte zur Türe, weil ich mittlerweile schon eine viertel Stunde zu spät dran bin. Bevor ich die Türe verlasse, gehe ich alles nochmal durch, inklusive in die Hand nehmen, um sicher zu sein, dass ich es auch wirklich dabei habe. Der Schlüssel! Wo ist der Schlüssel? Ich hatte ihn doch vorhin noch. Erneut rase ich durch die Wohnung und verstehe nicht, wann und wo ich ihn abgelegt habe. Ich sehe an der alten Fundstelle nach: Fehlanzeige. Am Bücherregal – auch hier ist er nicht. Ich finde ihn schließlich an einem Platz, wo ich nichtmal mehr weiß, dass ich dort überhaupt in der letzten Stunde war. Ab nach unten, vor der Haustüre erneuter Check, ob alles da ist. Die Sonnenbrille und meine Handtasche fehlen noch. Ich schnappe mir meine Handtasche und düse durchs Haus. Wo kann die Sonnenbrille sein? Im Badezimmer erhasche ich einen kurzen Blick in den Spiegel und ärgere mich über meine Schusseligkeit.
Meine Oma ist etwas knatschig als ich bei ihr ankomme, weil ich es nicht pünktlich geschafft habe und auch die Themen der Unterhaltung langweilen mich etwas. Ich werde müde, habe Probleme, die Augen aufzuhalten und mich zu konzentrieren. Kurz danach setzt mein Dauergähnen ein. Immer wieder, versuche ich meine Energie zurückzuholen. Gehe mit ihr nach draußen an die frische Luft. Kurze Erholung und mein Akku ist wieder etwas aufgelandener. Ich entschuldige mich bei ihr, dass ich weiter muss, weil ich meinem Vater noch versprochen habe, heute vorbeizukommen und ich jetzt schon so müde bin. Bevor ich losfahre, trinke ich einen aufgewärmten Energy-Drink. Die habe ich meistens dabei, um mir im „Notfall“ nochmal etwas Energie aufzutanken. Bis er wirkt, sitze ich auf dem Fahrersitz und schließe die Augen für ein paar Minuten. Es kann weitergehen. Auch bei meinem Vater schlägt die Müdigkeit wieder zu und auch bei ihm entschuldige ich mich wieder und fahre vorzeitig nach Hause. Seltsamerweise ist meine Müdigkeit verflogen, sobald ich daheim bin. Ich habe den Moment verpasst, um rechtzeitig zu schlafen. Meine Müdigkeit kippt um und ich bin aufgedreht.
Ich gehe baden, um zu entspannen. Trotz der Entspannung kann ich nachts nicht einschlafen. Ich gehe erneut in Gedanken den vergangenen Tag durch, die Aufgaben, die ich erledigt habe, die ich noch erledigen muss und plane den morgigen Tag. Skurrile zwischenmenschliche Situationen des Tages werden detailliert entschlüsselt. Dabei springen meine Gedanken von einem Thema zum nächsten. Aus dem Wohnzimmer höre ich ein Brummen, das sich immer mehr in meinem Kopf festsetzt. Ich muss wohl vergessen haben, den DVD-Player auszuschalten. Ich stehe auf und schalte ihn aus. Zurück im Bett höre ich Wasser tropfen. Ich habe das Wasser in der Wanne nicht richtig abgedreht. Erneut stehe ich auf und dackel los.
Ruhe! Endlich ist es in meiner Wohnung vollkommen still und ich gleite allmählich ins Land der Träume über. Von draußen nehme ich Schritte und Stimmen wahr. Zwei Frauen, die sich über ihre Partner auslassen. Unter meinem Schlafzimmerfenster bleiben sie stehen und unterhalten sich immer lauter. Ich stehe auf, gehe zur anderen Seite des Hauses und setze mich auf den Balkon. Die Stimmen nehme ich weiterhin wahr, allerdings sehr gedämpft. Die Stimmen werden leiser und die Damen haben ihren nächtlichen Spaziergang wohl fortgesetzt. Ich liege also wieder im Bett, bis die Frösche im Teich des Nachbarn anfangen, ihr nächtliches Konzert zu geben. Ich kapituliere. Setze mich ins Wohnzimmer und packe meinen Laptop aus, um zu schreiben. Ich schreibe und schreibe, bis die Sonne aufgeht und die Frösche leiser werden. Erschöpft gehe ich schlafen und habe noch ungefähr 3 Stunden Schlaf nach alter Tagesplanung. Ich minimiere meine Tagesplanung, um Platz für ein bisschen mehr Schlaf zu schaffen. Mehr als 5 Stunden sind aber nicht drin und so beginnt ein neuer Tag mit halbvollem Akku.

Natürlich stört es mich manchmal, dass ich weniger schaffe, als „die Anderen“, aber ich führe ein Leben unter anderen „Bedingungen“. Ich darf die Bewältigung meines Alltags nicht mit anderen vergleichen. Sie haben keine oder weniger Einschränkungen in der Kommunikation, haben nicht solch fein eingestellte Sinne und auch kein Kurzzeitgedächtnis, das nahezu alles sofort vernichtet, was nicht von besonderem Interesse ist. Die hier aufgelisteten Erlebnisse sind Beispiele und gehören zu den Schattenseiten meines Autimus, die viel Zeit und Kraft abverlangen. Es gibt aber auch viele gute Seiten, die ich an mir kennengelernt habe und mittlerweile zu schätzen weiß. Meine Probleme in der Bewältigung meines Alltags nehme ich zunehmend mit Humor, wenn auch nicht direkt in der jeweiligen Situation.
Auch mein direktes Umfeld nimmt es gelassen. Mein Freund mag eigentlich keine Unpünktlichkeit, aber bei mir stört es ihn nicht. Ich bin einfach so! Ich gebe ja auch wirklich mein Bestes und hatte ihn diesbezüglich schon vorgewarnt. Meine Mutter lacht meistens, wenn ich von chaotischen Tagen erzähle und auch mein Vater schmunzelt manchmal darüber. Ich arbeite weiterhin daran, meinen Ablauf besser zu strukturieren und eine Bewältigungsmöglichkeit zu finden, die für mich passend ist und Erleichterung bringt.

Wo ist denn schon wieder die Zeit hin?